• cassandraseven

Pink Diamond Princess- Folge 14


Paris konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so euphorisch gewesen war. Seine erste Schlacht? Noch nie war er wegen einer Frau so aufgeregt gewesen und er erkannte sich kaum wieder, als er sich den Kragen im Spiegel zurechtrückte. Arianes Haus war an sich nichts Besonderes, kein imposantes Haus einer Adligen, doch schön und geschmackvoll eingerichtet und es versprühte den Charme seiner Besitzerin. Er lächelte bei dem Gedanken daran, dass sie auch bald sein Haus – nein, ihr Haus – in ein Zuhause verwandeln würde. Er würde ihr „Zugang zu allem gewähren, was sie sich wünschte und ihr die exquisitesten Materialien bieten, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Ariane würde das Schmuckstück seines Ruhms werden, da war er sicher. Ihre Schönheit, eingehüllt“ in den feinsten Kleidern, würde alle überstrahlen.

„Eure Hoheit, mein Pferd ist gerade eingetroffen. Wir können los, wen ihr bereit seid“, sagte sie mit einem sanften Lächeln und roten Wangen.

Er atmete tief ihren lieblichen Duft ein, der ihn bis in die Zehen mit Verlangen und Wärme erfüllte. Paris konnte nicht widerstehen und strich ihr sanft eine verlorene Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie zuckte leicht zurück und starrte zu Boden.

Er ergriff ihr Kinn und hob es an. „Paris. Mein Name ist Paris, Ariane. Ich möchte, dass du die Förmlichkeiten unter uns sein lässt. In Ordnung?“

Ariane errötete noch mehr und sah ihn mit großen Augen an. Er konnte nicht anders und strich mit dem Daumen über ihre Lippen. Sein Innerstes brannte vor Verlangen, endlich diesen schönen Mund zu plündern, zu erobern und als Sein zu markieren. Aber er musste sich noch gedulden. Er wollte, dass sie ihm vertraute. So wie sie ihn gerade beobachtete, wusste er, dass er sie hier und jetzt damit nur überfordern würde, also ließ er los und straffte die Schultern.

Arianes Dienstmädchen kam atemlos auf sie zugelaufen. „Mylord, Ihr müsstet nach Horizon sehen. Er lässt sich nicht anbinden und beißt den Kutscher.“

„O nein! Verzeiht, Eure Hoheit!“, sagte sie und lief hinaus.

Paris seufzte laut. So viel zu seiner Bitte.

 

„Heute Abend machen wir hier Rast. Wir haben es über die Grenze nach Damars geschafft. Noch einen halben Tagesritt und wir sind zu Hause, Ariane. Ich habe mir erlaubt, dir ein paar neue Kleidung auf dein Zimmer bringen zu lassen. Ich hoffe, du verzeihst mir.“ Paris hatte sie während der Kutschfahrt in den letzten zwei Tagen förmlich mit Fragen gelöchert. Es waren viele Belanglosigkeiten, wie ihre liebsten Blumen, ihr liebstes Essen oder anderes. Manchmal hatte sie aber das Gefühl, dass er diese Fragen nur stellte, damit er die eher Schwierigen besser verpacken konnte.

„Neue Sachen, Eure Hoheit?“

„Ich möchte, dass du dich völlig frei bei mir fühlst, Ariane. Deshalb habe ich mir die Freiheit genommen und dir Kleider ins Gasthaus schicken lassen. Ich erinnere mich allzu gut an unsere erste Begegnung im Zug. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, dass du dich wieder so quälst.“

Kleider? Er will mich in Frauenkleidern sehen? Warum?

„Prinz Paris, ich hab … noch nie ein Kleid getragen. Beziehungsweise … das letzte Mal als ich vier Jahre alt war. Ich weiß nicht, wie man so was trägt, Eure Hoheit. Geschweige denn, wie man in einem Kleid und in hohen Schuhen läuft. Ich danke Euch für Eure Großzügigkeit, aber ich kann das nicht annehmen. Ich fühle mich in der Hose und dem Hemd sehr wohl.“ Arianes Gesicht musste einer Tomate gleichen. Ihre Wangen glühten vor Scham bei dem Bekenntnis.

Paris lächelte sanft und beugte sich vor. Seine Hand legte sich auf ihre und drückte sie leicht. „Ariane, ich habe nicht vor, dich in Verlegenheit zu bringen. Ich habe meine Hausdame Miss Stanton gebeten, dich dabei zu unterstützen und dir beim Ankleiden zu helfen. Versuch es wenigstens … für mich. Kannst du das?“ Seine grauen Augen strahlten vor Freude und Ariane konnte sich nicht überwinden, abzulehnen, obwohl alles in ihr schrie, es nicht zu tun. Das ungute Gefühl in ihrem Bauch löste Übelkeit in ihr aus und schnürte ihr die Kehle zu. Trotz allem nickte sie. Wenn es sein einziger Wunsch war, musste sie es versuchen. Es war eine Gelegenheit, zu testen, wie es sich anfühlte, das Leben einer Frau zu führen, wenn auch nur für einen Moment.

 

„Mylady, ich habe Euch ein Kleid für das Abendessen ausgewählt, eines ohne Korsage. Eure Hoheit hatte verlangt, ausschließlich erstklassiges Material für die Kleider zu verwenden. Ich hoffe, es gefällt Euch?“, fragte Miss Stanton, die Ariane in ihre Strumpfhose half.

Ariane brach in Schweiß aus, als sie versuchte, den hauchdünnen weißen Stoff über ihre Beine zu ziehen, ohne ein Loch hineinzureißen. Miss Stanton war zwar aufmerksam und bot ihr bei jeder Gelegenheit ihre Hilfe an, doch Ariane war es peinlich, dass selbst eine Strumpfhose so fremd für sie erschien.

„Ist das nicht etwas … übertrieben, Miss Stanton? Ich meine, das hier ist ein Gasthof und dieses Kleid schreit nach einem königlichen Ballsaal.“

„Oh, Mylady täuscht sich. Das ist wirklich ein schlichtes Kleid. Ich meine, die Farbe, der Schnitt und die Tatsache, dass man es ohne Korsage trägt, macht es einfach. Habt ihr je ein Unterkleid für eine Frau getragen, Mylady? Es wird Euer Dekolleté betonen – nicht, dass Ihr das nötig hättet. Ihr seid eine Schönheit, die man vergebens ein zweites Mal ausfindig macht. Kein Wunder, dass Eure Hoheit so vernarrt in Euch ist.“

„Was meint Ihr damit?“, hakte Ariane perplex nach, als ihr das Kleid über den Kopf gestreift wurde.

„Ich habe Eure Hoheit noch nie so entspannt und fröhlich erlebt, Mylady. Das muss zweifelsfrei Euer Verdienst sein. Außerdem war sein Schreiben vor einigen Wochen so enthusiastisch gewesen. Ich entdecke an dem jungen Prinzen völlig neue Seiten.“

„Er hat Euch bereits vor ein paar Wochen geschrieben?“

„Ja, Mylady. Weshalb?“

„Nichts, nichts, Miss Stanton …“


 

Paris trommelte angespannt mit den Fingern auf dem reich gedeckten Esstisch. Geduld war keine seiner Stärken und die Vorstellung, dass Ariane gleich in einem Kleid zum Essen erscheinen würde, ließ ihn nicht zu Ruhe kommen. Seine Neugier fraß ihn innerlich auf und er konnte nicht still halten. Als die Tür mit einem zaghaften Klopfen geöffnet wurde, trat Ariane ein und erlöste Paris mit einem tiefen Stöhnen von seinen Qualen. Ariane kam mit kleinen Schritten und hochrotem Kopf an die Tafel und knickste. Der dunkle Blauton des Kleides schmeichelte ihren Augen und dunklen Locken. Was ihn aber völlig durcheinanderbrachte, waren die sanften Kurven ihres Dekolletés und die weibliche Figur. Sie war wie aus einem Traum entstiegen und wilde Besitzgier ergriff ihn. Sie brannte sich durch sein Innerstes und setzte es neu zusammen. Alle Gedanken fokussierten sich auf Arianes nächste Bewegung.

„Wunderschön“, flüsterte er und hob ihre Hand zu seinem Mund, um sie zu küssen.

Ariane zog schnell ihre Hand zurück und beobachtete ihn mit zusammengezogenen Brauen. „Es ist … gewöhnungsbedürftig. Aber … danke, Eure Hoheit.“

„Ich verstehe langsam, warum Lady Katherine dich in Männerkleidung gesteckt hat. Kein Mann bei vollem Verstand könnte dir jemals widerstehen. Himmel, Ariane …“, sagte er und schnupperte an ihrem Haar, als er näher trat.

„Ihr bringt mich in Verlegenheit, Eure Hoheit! Das ist zu nah.“

Paris runzelte die Stirn und trat einen Schritt zurück. Er schob ihr den Stuhl vor und bat sie, neben sich Platz zu nehmen. Er konnte bei ihrem Anblick nicht einen Bissen nehmen und musste mit sich kämpfen, dass sein Mund vor Erstaunen nicht offenblieb.

„Hat Cassian geschrieben, wann er bei Euch eintreffen wird?“, erkundigte sie sich und schob sich ein Stück Fleisch in den Mund.

Paris liebte es, wie ungehemmt sie aß. Die meisten Damen wagten es sich nicht mal, eine Bohne in seiner Gegenwart zu sich zu nehmen, und Ariane aß genüsslich vor ihm. Er grinste sie an und beobachtete sie ungeniert.

„Eure Hoheit?“ Ihre Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

„Schmeckt es dir?“

„Äh, ja, danke. Es ist wirklich köstlich. Hat er nichts erwähnt?“

„Wer, Prinzessin?“

Arianes Kopf zuckte hoch und sie sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Mein Bruder. Ihr wisst schon, er wollte zu Euch auf Euren Landsitz kommen.“ Ihre Wangen färbten sich rot und Paris übermannte das Verlangen, seine Hände nach ihr auszustrecken und darüber zu streichen. Er sog scharf die Luft ein und lehnte sich ein Stück zurück.

„Nein, nicht genau. Aber ich bin sicher, so wie es klang, wird es nicht allzu lange dauern, bis er zu uns stößt. Bis dahin möchte ich dir gern etwas von meinen Ländereien zeigen und Zeit mit dir verbringen.“

„Ihr wart bereits so großzügig mit den Kleidern, Eure Majestät. Wie kann ich erlauben, dass Ihr so viel Eurer kostbaren Zeit an mir verschwendet? Wie konntet Ihr überhaupt so schnell Kleider für mich ordern? Miss Stanton hat wahrlich Schätze mitgebracht.“

„Mach dir keine Gedanken darum. Ich hatte ihr an dem Tag, als dein Bruder mir schrieb, einen Brief geschickt, um Vorbereitungen zu treffen. Sie hat ein Talent dafür, Dinge schnell für mich zu besorgen. Und wegen meiner Zeit, Ariane – nichts ist kostbarer für mich, als sie mit dir zu verbringen.“ Die Lüge wog schwer in seinem Magen. Das erste Mal in seinem Leben fühlte er sich unwohl dabei. Seine Prinzessin wollte er nicht belügen, aber er musste es. Für sie und ihre Sicherheit. Er nahm sein Weinglas in die Hand und trank einen großen Schluck davon, um die Verbitterung in ihm zu übertünchen. Sie würde ihm irgendwann verzeihen.

 

Ariane saß aufrecht im Bett und las die Zeilen der Notiz immer wieder. Vertrau ihm nicht. Lass uns reden, wenn du heil und im Ganzen zurück bist. Ich warte auf Dich. Cerim

Der Dolch, der mit der Nachricht in ihrer Satteltasche versteckt wurde, lag schwer in ihrer Hand. Warum sah Cerim Prinz Paris als eine solche Gefahr an? Ihr Bruder dagegen vertraute ihm, sonst hätte er sie nicht zu Paris nach Damars mitgehen lassen. Dass der Prinz sie wegen der Kleider belogen hatte, hatte sie ihm angesehen. Warum ließ er die Kleider für sie anfertigen? Ariane konnte sich nicht erklären, warum er überhaupt solch ein Interesse an ihr zeigte, da doch ihre Herkunft mehr als unbedeutend war und sie noch dazu die meiste Zeit vorgeben musste, ein Mann zu sein.

Sie seufzte tief, schob die Decke zurück und erhob sich. Sie versteckte den Dolch wieder in der kleinen Satteltasche, die ihr Sir Henri im Namen des Dukes vor der Abreise in die Hand gedrückt hatte, und legte diese wieder zu ihren wenigen eigenen Sachen.

Der Duke hatte mich geküsst. Ariane strich sich mit den Fingern über die Lippen und wanderte ins Bett zurück.


 

„Lady Merylin wünscht Euch zu sprechen, Mylord.“

Cerim lehnte seinen Kopf gegen die Lehne seines Arbeitsstuhles und stöhnte leise. „Sagte sie, was sie will?“

„Mylord, Mylady sagte nur, dass es dringlich sei.“

„Lass sie eintreten, Johannes. Und bring Tee, für mich mit einem Schuss Rum.“

Andauernd trafen Einladungen von ihr ein. Lady Merylin hatte seit der Soiree bei Prinzessin Rose keine Gelegenheit ausgelassen, ihn aufzufordern, sie zu Veranstaltungen zu begleiten. Cerim war es inzwischen völlig schleierhaft, wann er ihre Gesellschaft jemals als angenehm empfunden haben konnte. Adrian dagegen vermisste er schmerzlich. Seine innere Unruhe zerfraß ihn bei dem Gedanken daran, dass der Prinz sich ihm aufdrängen könnte, so wie er es getan hatte. Cerim schluckte hart und massierte mit den Fingern die pochende Stirn. Jetzt auch noch Merylin.

Lady Merylin trat mit erhobenem Kinn und tippelnden kleinen Schritten ein. In ihrem ausladenden Kleid und mit der prächtigen Frisur schien sie Cerim selbst im pompösen Stadthaus seines Vaters völlig fehl am Platz zu sein. Sie war ausstaffiert wie zu einem Ball des Königs und trug zudem auffallend große Colliers, die seine Aufmerksamkeit offenbar auf ihr Dekolleté richten sollte. Er verkniff sich ein lautes, genervtes Stöhnen und räusperte sich. Als er sich erhob, sah sie ihn endlich an und verbeugte sich formvollendet und elegant vor ihm. Johannes wartete an der Tür mit dem Tee und amüsierte sich ebenso über die Darstellung von Merylin. Statt seiner sonst stoischen Miene zuckte Johannes’Mundwinkel und Cerim konnte sich ein Augenrollen nicht verkneifen. Erst als er ihre Hand nahm und sie küsste, erhob sich Merylin aus ihrer Pose.

„Mylady, wie schön Euch so gesund zu sehen. Seid Ihr auf dem Weg zu einer Einladung?“, fragte er, obwohl er die Antwort kannte. Sie hatte ihm gestern zwei Einladungen weitergeschickt, die er dankend abgelehnt hatte. Offenbar aber nicht deutlich genug.

„Mylord, ich sehe es in meiner Pflicht, Euch endlich von diesem Schreibtisch zu befreien! Ihr begrabt Euch in Arbeit! Ihr habt mich sträflich vernachlässigt, Mylord.“

„Bitte verzeiht, Mylady. Ich habe wirklich viel zu tun. Der König hat mich mit besonderen Aufträgen bezüglich Solmere betraut, die nicht warten können. Es tut mir außerordentlich leid, Euch enttäuschen zu müssen.“ Cerim nahm in seinem Sessel Platz und Johannes platzierte einen Brief mit dem Siegel des Hauses Callus auf seinem Beistelltisch. Auch Merylin erkannte das Siegel und kniff die Augen zusammen. Als er es in die Hand nehmen wollte, legte Merylin ihre darauf und sah auf ihn herunter.

„Mylord, schenkt mir wenigstens fünf Minuten Eurer kostbaren Zeit. Ich … ich bat meine Eltern, Eurem Vater zu schreiben. Wir haben eine Einladung vom Grand Duke erhalten“, brachte sie mit hochrotem Kopf hervor und sah ihn eindringlich an. Ihr unausgesprochenes Anliegen war klar: Ihr Vater wollte ein Heiratsangebot abgeben.

Cerim starrte auf ihre Hände und fragte sich, wie es wäre, diese für den Rest seines Lebens halten zu müssen und die Vorstellung einer gleichgültigen Ehe stieß ihn ab. Er konnte niemals Gefühle für Merylin entwickeln, auch wenn sie wunderschön und klug war. Ihre Persönlichkeit hingegen widerte ihn an. Für sie war er lediglich die Eintrittskarte für den Titel der Grand Duchess, ein weiterer Schmuckstein an ihrer perfekten Fassade. Was er sich wünschte, war eine Beziehung, wie seine Eltern sie führten. Eine Partnerin, die er um Rat und Hilfe bitten konnte. Bei der er Trost und Hoffnung fand, die Mitgefühl und Herz für sein Volk und die Belange der Menschen hatte. Nichts davon besaß Merylin. Eine Vision stieg in Cerims Kopf auf: eine Frau mit dunklen, langen Locken, die am Fenster seines Arbeitszimmers lehnte und auf den Park hinausschaute. Als sie sich umdrehte und ihn mit einem strahlenden Lächeln ansah, funkelten ihre lilafarbenen Augen heller als jedes Sonnenlicht.

Sein Herz gehörte ihr. Adrian.

Die Frau war Adrian.


 

4 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen