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Pink Diamond Princess- Folge 5

Aktualisiert: 8. Mai


„Lord Adrian, Ihr Bruder ist hier!“, rief Master Theodor schnaufend, als er auf Ariane zugelaufen kam.

In den Minen war es aufgrund der heißen Quellen, die sie zum Schöpfen nutzten, siedend und dampfig. Sie hing gesichert an einem Seil an einer steilen Wand am installierten Holzbalken oberhalb des riesigen Wasserrads, um die finalen Feineinstellungen selbst vorzunehmen. Es war gefährlich und mühsam, aber nur so konnte sie sicherstellen, dass alles wie geplant funktionierte. Einige Arbeiter hingen ebenfalls gesichert an der Felswand, direkt am Rad zugange, um die aufgetragenen Ausführungen fertigzustellen. Ariane hatte die letzten Jahre Balken zur Stabilisierung kreuz und quer über die Höhlendecke befestigen lassen, die den Raum mehr wie das Innere einer Kirche wirken ließ. Die Balken sorgten dafür, dass die Arbeiter derartige riskante Manöver so unbeschadet wie möglich durchführen konnten, und das war allein Arianes einfallsreichen Konstruktionen zu verdanken.

Ihr floss der Schweiß von den Schläfen und die Kleidung klebte ihr am Körper, aber das machte ihr normalerweise nichts aus. Sie war die anstrengende und sengende Hitze der Umgebung gewohnt. Was ihr tief im Magen lag, war die Tatsache, dass ihr Bruder und seine Gäste die Mine betreten hatten. Cassian hatte angekündigt, das Wasserrad besichtigen zu wollen. Sie hatte gehofft, er würde wenigstens seinen Besuch mit ihr vorher abstimmen, doch er hatte sie nicht über sein Kommen heute informiert. Ariane hing schweißüberströmt an der Decke der Kirche, wie die fünfhaushohe Höhle genannt wurde, und das war ihr unangenehm.

Zwei Meter über der Wasserradkonstruktion wies sie mit gekonntem Blick die Arbeiter ein. Sebastian sicherte ihr straffgespanntes Seil am Boden ab und beobachtete von der Seite die Ausführungen der Konstruktion. Nervös blickte er auf, als er ihren Gesichtsausdruck seit der Nachricht von der Ankunft der Gäste gesehen hatte. Ariane sah mit mulmigen Gefühlen besorgt an sich herab und überprüfte ihre Kleidung. Sie klebte so eng an ihr, dass man die Andeutung ihrer Kurven trotz der ledernen Binde unter ihrem Hemd erkennen konnte. Ihr Herz raste bei dem Gedanken daran, entlarvt werden zu können.

Master Theodor empfing Cassian mit einer tiefen Verbeugung und endete damit, dass er vor dem nachfolgenden Kronprinzen Nicolas kniete, um seine Hand zu küssen. Zuletzt trat der Duke ein, der sich umschaute. Alle Minenarbeiter stellten kurz die Arbeit ein, um ebenso in die Knie zu gehen. Lord Cerim begutachtete das eindrucksvolle Rad mit zusammengekniffenen Augen und blieb an dem Anblick von Ariane hängen, die an der Decke durch Seile gesichert baumelte. Als sich ihre Blicke trafen, schoss ihr Hitze in die Wangen. Cerim schüttelte den Kopf und wies die anderen darauf hin, was er entdeckt hatte. Cassian starrte mit offenem Mund zu seinem Bruder.

Verdammt!

Sie hörte nicht, was er zu Master Theodor sagte, aber dem Gesichtsausdruck ihres Lehrers zufolge, war es nichts Freundliches. Sie gerieten in eine Diskussion, als ein schriller Schrei vom Rad her ihre Aufmerksamkeit forderte. Ein Arbeiter an den Schaufeln des Rades war abgerutscht. Der Mann war mit einem Bein in der Holzkonstruktion gefangen und versuchte, sich panisch zu befreien, doch das massive Gewicht des Rades und der Wassermenge, die es mit der Bewegung aufgenommen hatte, quetschte es weiter hinunter. Wenn sie nichts unternahm und den Mann nicht befreite, drohte die nächste Schaufel ihn zu zerdrücken!

Ariane ließ das Seil ab und landete unbeschadet auf einem Zwischenbalken des Wasserrads. Zwei andere Arbeiter versuchten mit ihrer Kraft das zwischen den Balken eingeklemmte Bein zu befreien, aber vergebens. Sie schnappte sich aus der vor ihr liegenden Schaufel einen großen Holzhammer sowie zwei Keile, die sie an ihrem Sicherungsgurt in die Tasche steckte.

„Adrian, was tust du?“, schrie Cassian.

Sie sah hinunter zu den Männern, die die übrigen Arbeiter zu einer Rettungsmission koordinierten. Ohne sie aus den Augen zu lassen, zog sich Cerim hektisch die Jacke aus und krempelte die Ärmel seines Hemds hoch – bereit, einzugreifen und zu helfen.

„Sebastian, Seil spannen!“, befiel sie laut. Ihr Blick wanderte zu Sebastian, der ihr Sicherungsseil fest in seinen Händen hielt. Er nickte stumm und rief andere Minenarbeiter zu sich, die ihn ablösten.

Das Wasserrad bewegte sich zwar langsam und mühselig, aber die enorme Kraft des Wassers und der Konstruktion war nicht zu unterschätzen. Wenn sie den Mann nicht herauskriegten, würde er im angelegten Gewässer ertrinken. Das Wasserrad war ihre Konstruktion und sie war für die Leben der Arbeiter verantwortlich. Ein kalter Schauer erfasste sie bei der Sorge um den Mann.

Ariane konzentrierte sich darauf, mit schnellen Schritten den Balken entlang zu laufen und sich mit Schwung auf den unteren abzuseilen. Das lederne Korsett drückte ihr bei jeder hastigen Bewegung die Luft ab und sie hatte Mühe und Not zu Atem zu kommen. Fix erreichte sie den fest eingeklemmten, der von zwei Männern zusätzlich gesichert wurde und die vergeblich versuchten, ihn zu befreien.

„Lord Adrian, das Gewicht der Schaufel drückt den Balken darauf. Wir bekommen ihn hier nicht raus!“, schrie ihr einer entgegen und wischte sich in Panik durch das verschwitzte Gesicht.

„Haltet ihn ruhig, ich trenne die Schaufel ab, dann müsste es gehen!“

Ariane sprang am Seil hängend an den Männern vorbei und hangelte sich vor zur Schaufel, die sie zügig mit den Keilen und dem Hammer bearbeitete. Ihr fehlte die Kraft, um das verschweißte Metall vom Holz zu lösen. Sie drosch zuerst das darunter befestigte Metallsieb für die Edelsteine ab, doch es war immer noch zu schwer.

„Lord Adrian!“, rief Sebastian. Er und Lord Cerim kletterten am Wasserrad entlang und eilten ihr zu Hilfe. Mit gekonnten Zügen stiegen sie zu Ariane, die mit Keil und Hammer das Holzstück bearbeitete. Das Rad senkte sich weiter bedrohlich in Richtung der Wasseroberfläche ab, als Sebastian sie zuerst erreichte. Er nahm ihr den großen Holzhammer ab und mit einem gewaltigen Hieb ploppte die Schaufel plötzlich vom Rad ab. Er konnte sich rechtzeitig abstoßen und landete direkt auf dem Balken. Ariane krachte jedoch gegen die Vorrichtung der Schaufel, die herausragte, und stach sich einen spitzen, riesigen Nagel in die Seite und die rechte Hand. Ihr Lederkorsett schützte sie vor dem Metallnagel, doch ihre Handfläche durchbohrte das Stück. Der Schmerz drohte sie zu übermannen und sie schrie auf und zog die blutende Hand aus dem Metallstück heraus.

„Adrian!“ Cerim zog sie mit festem Griff zu sich. Er packte sie an der Taille und presste sie mit seinem Körper gegen den Balken. „Sieh mich an, Adrian! Sieh mir in die Augen!“, verlangte er und zog mit einem Ruck ihr Kinn hoch.

Panisch starrte sie in Cerims Augen, die wie ein tiefer Ozean ihren Blick fixierten, sie beruhigte und dazu brachte, nach Luft zu schnappen. Er hielt sie in seinen Armen, befestigte den Karabinerhaken ihres Sicherheitsgurts an seinem und stieß sich ab. Beruhigend strich Cerim ihr die Wange entlang, während er sie ansah. Zusammen wurden sie von den Bergarbeitern sicher zu Boden gelassen. Sämtliche Rufe und Geräusche traten für Ariane in den Hintergrund, als die Schwärze sie übermannte.


 

Cassian saß fassungslos am Bett seines Bruders und starrte in die Leere. Nur das sanfte Flackern des Kaminfeuers erleuchtete das Zimmer. Die Bilder des heutigen Unfalls rauschten durch seinen Kopf und umfassten eiskalt sein Herz. Adrian fiel blutüberströmt in Cerims Armen in Ohnmacht und sackte zusammen. Er schickte ein stummes Dankesgebet in den Himmel, dass ihm nach dieser Aktion nichts Schlimmeres geschehen war als die Handverletzung. Der Nagel hätte seine Seite durchbohrt, wäre nicht dieses Lederkorsett gewesen, das er unter seinen Hemden trug. Er nahm das Stück Leder wieder in die Hände und begutachtete es ungläubig. Er hatte seinen bewusstlosen Adrian aus der Kutsche in sein Zimmer getragen, damit der herbeigerufene Arzt seine Verletzungen behandeln konnte. Dort war er der vollen Überzeugung gewesen, einen Bruder sein Eigen nennen zu können. Dies hatte sich unmittelbar nach Cassians Weigerung, das Zimmer zu verlassen, geändert. Er hatte sich nur davon überzeugen wollen, dass nicht weitere blutende Wunden am Körper seines Adrians existierten.

Was hat sie noch vor mir verborgen?

Warum gab sie sich als Mann aus? Schuldgefühle übermannten Cassian und mit geröteten Augen sah er auf das friedliche, zarte Gesicht seiner Schwester. Er strich ihr sanft die Locken aus der Stirn und streichelte ihre warmen, weichen Wangen.

Warum zum Teufel ist mir das nie in den Sinn gekommen?

Es war kaum zu übersehen und doch war er blind gewesen.


 

Folge 6 erscheint am 08.05.2022



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