• cassandraseven

Pink Diamond Princess- Folge 8


„Werde ich zurückkehren dürfen?“, fragte Ariane mit brüchiger Stimme.

Cassian starrte sie mit gerunzelter Stirn an. „Du willst hierher zurück? Warum?“

Ariane seufzte tief und sah zum Fenster hinaus. Amréne war einsam, die Winter lang und hart, aber es war ihr Zuhause. Hier waren Menschen, die sie respektierten und die sie liebgewonnen hatte. Sie hegte die leise Hoffnung, dass sie in das Städtchen zurückkehren durfte - als Frau. Mit Hilfe von Master Theodore könnte sie ihre Konstruktionen unter dem Namen Adrian Callus weiterverkaufen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Aristokratie war unerbittlich. Als Dame des Hauses Callus, selbst als Bastard, müsste sie sich den Konventionen beugen und ihre Zukunft würde von den Männern in ihrem Leben fremdbestimmt werden. In ihren Augen war dies sogar schmerzhafter als jeder Schlag, den sie durch Lederriemen von Lady Katherine erfahren musste.

„Es ist mein Zuhause. Ich kenne nichts anderes, Cassian.“

„Ari!“, ächzte Cassian wie von Pein durchzogen. Mit zwei Schritten stand er vor ihr und ging auf die Knie. Er nahm ihre Hände in seine und küsste sie ergeben.

Ariane stolperte zurück und sah ihn erschrocken mit Tränen in den Augen an.

„Du wirst immer ein Zuhause bei mir haben. Ich weiß nicht, warum du dich als Mann ausgeben musstest. Sei gewiss, ich werde dich zu nichts zwingen und zu nichts drängen. Ich bitte dich nur darum, dein Bruder sein zu dürfen. Für dich zu sorgen und dich zu unterstützen. Ich werde deine Wünsche respektieren und wenn, … wenn du hierher zurückkehren möchtest, so lasse ich dich gehen. Aber bitte, erlaube mir dein Bruder zu sein. Du bist die einzige Familie, die mir noch bleibt und Ariane, auch wenn du es mir vielleicht nicht glaubst, ich habe dich lieb. Ich wünsche mir für dich, dass du ein glückliches und erfülltes Leben führen darfst, als Frau und als meine Schwester. Und wenn ich dazu beitragen kann, dann bitte … lass es mich tun.“ In Cassians Augen erkannte sie die Aufrichtigkeit seiner Worte. Er kämpfte mit den Tränen und Ariane verstand nicht, wie sie ihm derart wichtig sein konnte, wenn er doch so wenig von ihr wusste. Sie hatte ihn all die Jahre belogen und dennoch schien er ihr deswegen nicht zu grollen.

„Cassian, ich … ich kann nicht deine Schwester sein“, brachte Ariane hervor, schluchzte los und ihre Beine gaben nach.

Cassian fing sie auf und schlang seine Arme um sie. „Wir haben nur noch uns, Ariane. Vater wird von uns gehen. Warum in aller Welt versteckst du dich hinter der Fassade eines Mannes? Hat meine verdammte Mutter etwas damit zu tun? Ich kann dich vor ihr beschützen, wenn es das ist! Sie kann über dich nicht mehr bestimmen, da ich nun das Familienoberhaupt bin.“

„Du kannst mich nicht vor ihr beschützen, Cassian. Ich will nicht, dass dir etwas zustößt oder du wegen mir unter ihr leiden musst. Bitte … erwarte das nicht von mir.“

„Ariane, bitte erzähl mir warum!“

„Ich kann nicht. Bitte, Cassian! Bitte zwing mich nicht dazu.“

Ihr Bruder löste seine Arme etwas, um Ariane näher zu betrachten. Er nickte, akzeptierte wortlos ihr Flehen. Sie hatte das Gefühl, dass das erst ein vorläufiges Einverständnis war. Ariane nahm sich vor, alles zu tun, um ihren warmherzigen Bruder vor der Rache seiner Mutter zu schützen, sollte es je dazu kommen, dass ihr Geheimnis an die Öffentlichkeit kam. Sie würde fortgehen, bevor er sich wegen ihr in unnötige Gefahr brachte und Ariane wusste nur zu gut, wie kaltblütig Lady Katherine und ihre Schergen sein konnten. Nichts würde sie davon abbringen, Cassian zu bestrafen. Sie konnte nicht auch noch ihn verlieren. Niemals wieder schwor sie sich.

 

Arianes Worte gingen Cassian durch den Kopf, als er auf dem Weg zu den Stallungen war. In welcher Traumwelt lebte er eigentlich? Was hatte er all die Jahre so leichtfertig zugelassen? Sein Herz brach erneut beim Gedanken an seine kleine Schwester, die trotz all ihrer Bürden tapfer vor ihm stand und zuerst an alle anderen dachte als an sich selbst.

„Sebastian! Ich möchte dich kurz sprechen“, bat er den jungen Stallburschen. Ihn hatte Ariane besonders ins Herz geschlossen, sodass er unmöglich diese außergewöhnliche Bitte ausschlagen konnte.

„Ich … ich möchte mich bei dir bedanken. Adrian hat mir erzählt, was für eine unglaubliche Hilfe du ihm die letzten Jahre warst und wie auch deine Schwestern Ari in ihre Mitte nahmen. Ich möchte dich als Knappe für die königliche Garde vorschlagen und dir die Ausbildung finanzieren. Mein Bruder war voll des Lobes über deine Fähigkeiten und ich würde mich glücklich schätzen, dich nach deiner Ausbildung in den Dienst der Familie Callus aufzunehmen. Was hältst du davon?“

„Mein Lord, das kann ich keinesfalls annehmen!“, sagte Sebastian und ging vor seinem Herrn in die Knie.

„Nimm das Angebot an, mein Bruder wünscht es sich so sehr. Ich bin der Überzeugung, dass du deine Sache gut machen wirst.“

„Mein Herr, ich … Nichts anderes wäre mein sehnlichster Wunsch. Aber ich muss mich um meine kleine Schwester Marie kümmern. Unsere Eltern sind vor vier Wintern gestorben und meine beiden älteren Schwestern haben erst vor Kurzem geheiratet. Ich kann sie nicht hier allein lassen, mein Lord.“

„Dein Einkommen als Ritter wird Marie ein besseres Leben ermöglichen. Und bis dahin nehme ich sie gern in meine Dienste. Ariane braucht eine Person, der sie sich anvertrauen kann in Ethera. So werdet ihr beide in der Hauptstadt sein und für deine Schwester ist gut gesorgt.“

„Mein Lord, wie kann ich euch jemals danken?“

„Dank nicht mir. Du hast Adrian bisher deine Treue erwiesen, beweise ihm diese in Zukunft auch. Mehr Dankbarkeit benötige ich nicht.“

Sebastian sah ihm in die Augen und nickte ergeben. Die Freude spiegelte sich in seinem breiten und herzerwärmenden Lächeln wider und er strahlte über das ganze Gesicht. Cassian lächelte und lief wortlos zurück ins Herrenhaus, da er etliche Vorbereitungen treffen musste, bevor sie am Nachmittag aufbrechen konnten.

 

Die Fahrt in der Kutsche fühlte sich für Ariane wie eine Ewigkeit an. Sie hielten nur an, um den Pferden eine Verschnaufpause zu gönnen. Alles in ihrem Körper schmerzte, nicht nur die noch nicht verheilten Verletzungen setzten ihr zu, jeder Muskel schien auf das ungewohnte, ständige Geruckel durch die Kutsche zu reagieren. Als sie in Severen, der zweitgrößten Stadt von Richel, den Bahnhof erreichten, konnte Ariane kaum einen richtigen Atemzug ohne Schmerzen tätigen. Sie trug die lederne Weste unterhalb des Hemdes, um ihre Kurven vor ihrer Reisebegleitung, dem Prinzen und dem Duke, zu verstecken. Die eingenähten Eisenstäbe der Weste hatten ihr blutige Blasen auf der Haut hinterlassen. Sie mühte sich in jedem ungesehenen Moment ab, die Wunden mit Leinen vor den Eisenstäben zu schützen.

Als Piper ihr in ein privates Abteil des Zuges folgte, brach Ariane vor Schmerz zusammen. Das Dienstmädchen zog in aller Eile die Vorhänge der Fenster zu und öffnete ihre Tasche, die sie mit sich trug.

„Still, mein Lord! Kommt schnell. Ich habe Mullbinden gekauft und werde Euch die Weste ausziehen, um die Binden um Eure Brust zu wickeln. Zieht am besten eine Weste über Eurem Hemd an, dann kann man nichts erkennen.“

Ariane nickte still und bemühte sich, ihr Hemd aufzuknöpfen. Piper beobachtete sie panisch und öffnete die Lederweste. Beim Anblick von Arianes nacktem Oberkörper schrie das Mädchen auf und schlug sich die Hand auf den Mund.

„O mein Gott! Lord Adrian! Das sind richtige Fleischwunden! Wenn wir die Binden rumwickeln, verkleben sie vielleicht! Die Wunden wässern schon! Was … was sollen wir tun?“.

„Still, Piper! Wickel den Verband um mich und beruhig dich. Wir kommen morgen bereits an und dann kümmern wir uns darum. Ich halte das schon aus! Nun mach schon!“

Als Piper ihre Arbeit getan hatte, zog sie ihr ein weites, frisches Hemd über und reichte ihr eine Weste.

Die Tür des Abteils öffnete sich abrupt und zwei ihr unbekannte Männer, überrascht über die Anwesenheit von Ariane und Piper, traten ein.

„Oh, mein Lord, verzeiht!“, sprach sich der Mann im schwarzen Anzug aus. Er trug eine Tasche in der Hand und zog seinen Hut ab.

Der andere Herr fesselte Arianes Blick. Mit seinem Pelz besetzten weißen Anzug, den goldenen gravierten Manschettenknöpfen und der großen smaragdbesetzten Brosche strahlte er in luxuriöser Eleganz. Seine grauen Augen und sein markantes, klares Gesicht taten ihr übriges, um Ariane völlig einzuschüchtern. Sie verbeugte sich vor dem Mann.

„Verzeiht, mein Lord! Ist das Euer Abteil?“, fragte sie eingeschüchtert.

Der Mann starrte ihr unverhohlen in die Augen und grinste verschlagen. „Ihr könnt gern bleiben. Eine so schöne Gesellschaft würde ich niemals ausschlagen“, erwiderte er amüsiert. „Prinz Paris von Damars. Gern zu Euren Diensten“, stellte sich der Mann vor.

„Verzeiht, Eure Hoheit. Wir werden sofort gehen!“, entschuldigte sich Ariane mit hochrotem Kopf.

Als sie am Prinzen vorbeigehen wollte, packte er sie an den Armen. „Ihr habt Euch nicht vorgestellt. Wer seid Ihr?“

„Mein Name ist Adrian Callus, Eure Majestät.“ Ariane reichte dem Prinzen die Hand und verbeugte sich tief.

Er nahm ihre Hand in seine und küsste sie, anstatt sie zu schütteln. Erschrocken über diese Geste versuchte sie ihre zurückzuziehen und musterte ihn irritiert.

„Nach Euch habe ich gesucht, Mylady. Welch ein Zufall, Euch hier zu begegnen“, sagte er mit rauer Stimme und küsste abermals ihre verbundene Hand.

„Ihr müsst mich verwechseln. Ich bin ein Mann. Warum habt Ihr nach mir gesucht?“

Prinz Paris lachte auf und ließ ihre Hand los. „Oh, Euer Geheimnis ist bei mir sicher, Mylady. Ich komme mit den besten Grüßen von Lady Katherine.“

„Was?“ Mit offenem Mund starrte sie den Prinzen an.

„Ari!“, hörte sie Cassian rufen. Er kam durch den schmalen Gang des Zuges zu ihr gelaufen. „Eure Majestät?“ Er verbeugte sich tief vor dem Prinzen.

„Wie geht es dir, Lord Cassian? Was für eine schöne Überraschung, euch hier anzutreffen. Ich hatte auch gerade das Vergnügen, deinen bezaubernden Bruder kennenzulernen. Wir haben von Lady Katherine über den Zustand deines Vaters gehört und wollten ihm die letzte Ehre erweisen. Ich weiß, wie viel dir dein Vater bedeutet und da wollte ich nach meinem alten Freund sehen.“

Die beiden kennen sich und sind befreundet? Warum hat Lady Katherine ausgerechnet ihm verraten, dass ich eine Frau bin und nicht ihrem eigenen Sohn? Was will der Prinz von mir?

„Ich danke Euch, Eure Hoheit für Eure Fürsorge. Adrian, geh schon mal in unser Abteil vor. Du solltest dich ausruhen, du siehst ganz blass aus.“ Cassian betrachtete sie besorgt.

„Ist wirklich alles in Ordnung?“, fragte Prinz Paris und begutachtete ihre verbundene Hand.

„Ja, vielen Dank Eure Hoheit. Ich hatte vor Kurzem einen kleinen Unfall in der Mine und bin erschöpft von der langen Kutschfahrt. Bitte verzeiht, aber ich verabschiede mich und wünsche Ihnen eine gute Reise“, erwiderte Ariane so taktvoll wie möglich und trat hinter Cassian.

Ihr Bruder zog die Brauen in die Höhe und ließ sie nicht aus den Augen. Ariane verbeugte sich hastig und verschwand im Gang.

Ihr Herz pochte laut und heftig.

Was hatte das alles zu bedeuten?

 

Ariane war allein. Cassian ließ durch Piper ausrichten, dass er mit Prinz Paris und Prinz Nicolas ein Glas Wein in einem Separee des Speisewagens trank und sich erst später zu ihr gesellen würde. Sie hatte die Zeit genutzt, um ihrem Körper eine Pause von der ledernen Korsage zu gönnen und diese unter dem Hemd geöffnet. Seitdem konnte sie durchatmen, doch ihre Haut brannte und die Wunden wässerten darunter und jede Regung schmerzte wie die Hölle. Es klopfte an der Tür des Abteils. Schnell zog sie die Decke über ihren Oberkörper.

„Herein!“

Der Begleiter des Prinzen öffnete die Tür und kam mit einem Arztkoffer herein. „Verzeiht, Mylady. Ich bin sehr versiert im Wunden behandeln, da ich ihrer königlichen Hoheit Prinz Damars auf dem Schlachtfeld gedient habe. Wenn Ihr es gestattet … Ich hatte vorhin den Eindruck, dass Ihr offene Wunden am Körper habt. Es riecht noch immer nach Wundwasser und Blut. Dürfte ich Euch meine Dienste anbieten? Prinz Paris war sehr besorgt, müsst Ihr wissen.“

Ihr Mund wurde staubtrocken und sie nickte, ehe sie die Decke zurückschlug.

„Würdet Ihr bitte Euer Hemd öffnen?“

Ariane schluckte schwer und schloss für den Moment die Augen.

„Euer Geheimnis ist bei mir sicher, Mylady.“


 

Die nächste Folge erscheint am 29.05.2022.

Wie gefällt euch bisher Arianes Geschichte? Lasst mir gern einen Kommentar da. Ich würde mich sehr freuen!

6 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen