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Pink Diamond Princess- Folge 9


Das Herz von Solmere


An den Fensterbänken brannten Kerzen, die die Hausangestellten aufgestellt hatten, um ihrem kranken Herren auf seiner letzten Reise zu begleiten. Das alte und imposante Stadthaus der Familie Callus war in Sorge getränkt und dennoch strahlte es ehrwürdige Eleganz aus.

Ariane schluckte. Sie atmete schwer, als sie vor dem Haus stand und versuchte, sich Mut zu zusprechen. Sie fürchtete die nächsten Schritte und die Begegnung mit ihrem Vater.

Die Kerzen brennen. Gott sei Dank haben wir es rechtzeitig geschafft!

„Ari, komm!“, sagte Cassian und legte seine Hand auf ihre Schulter. In seinen Augen blitzten nicht geweinte Tränen. Auch er wirkte erleichtert, es zeitig bewältigt zu haben, seinem Vater beizustehen. Die Bediensteten, in Schwarz gekleidet und vor Kummer still und bedrückt, rückten aus, um dem Kutscher und Piper beim Gepäck zu helfen. Anghar, der treue Hausverwalter und stetiger Begleiter Lord Callus, begrüßte Cassian und Ariane mit einer tiefen Verbeugung.

„Wir sind sehr froh, dass Ihr es noch geschafft habt, mein Herr. Lord Callus kämpft tapfer. Der Priester und der Arzt halten in seinem Zimmer Wache, um ihm die letzten Stunden zu erleichtern.“

„Ist er ansprechbar, Anghar?“ Besorgnis lag in seiner Stimme, sodass Cassian leise krächzte.

„Kaum, mein Herr. Er hat kurze, lichte Momente, aber sie werden immer weniger. Er hat die letzten Wochen häufiger nach Euch und Lord Adrian gefragt.“

„Er hat nach mir gefragt?“, stieß Ariane hervor.

„Ja, mein Herr, wenn auch sehr verwirrt. Er hat nach Ariane gefragt. Wir nehmen an, dass er Euch damit gemeint hatte“, erklärte Anghar mit einem verhaltenen Lächeln und sah zu Boden. Seine Schultern zuckten im Kampf um seine Haltung, nicht in Tränen auszubrechen.

„Wir sollten gleich hinaufgehen, Ari“, sagte Cassian und räusperte sich. Ihr Bruder richtete sich auf und man sah ihm an, wie auch er mit der Beherrschung rang. Ariane nahm seine Hand in die ihre und drückte zu. Sie würden sich gegenseitig Halt und Kraft schenken, um ihrem Vater den Tod zu erleichtern. Ihr Herz klopfte wie verrückt und ihre Kehle war staubtrocken. Sie atmete noch einige Male tief ein und aus, bevor sie mit Cassian die Treppen hinaufging und sich auf das Schlimmste einstellte.


 

Das ergraute Haar klebte ihm im eingefallenen Gesicht. Der einst stattliche Mann war ein Schatten seiner selbst geworden. Cassian strich ihm die Strähnen aus den Augen und streichelte die knochige Wange seines Vaters.

„Lasst uns allein. Ich rufe euch, wenn sich sein Zustand ändert“, wies er seufzend den Priester und den Arzt an. Die Männer verließen mit gesenkten Köpfen das Schlafzimmer und zogen leise die Tür hinter sich zu.

Beim Anblick des Sterbenden brach Cassian erneut das Herz. Ariane nahm an der anderen Seite des Bettes Platz und hielt ihres Vaters kühle Hand. Still flossen die über ihre Wangen und Cassian rang mit sich, um die richtigen Worte des Trostes zu finden.

„Vater? Ich habe dir Ariane gebracht. Schaffst du es, die Augen zu öffnen? Hörst du? Ariane ist da und ich bin auch bei dir“, flehte Cassian und drückte seine hagere Hand.

„Cassian, glaubst du, er kann dich hören?“ Ariane schluchzte auf. Sie fing an zu hicksen und zitterte so sehr, dass er die Vibration auf der gegenüberliegenden Seite des Bettes spüren konnte.

„Er hört uns bestimmt. Vater … Ariane ist hier. Kannst du deine Augen öffnen?“, fragte Cassian.

Lord Callus stöhnte und seine Augenlider zuckten.

„Sprich mit ihm, Ariane. Vielleicht hilft es“, ermutigte Cassian sie.

Ariane sah ihn mit großen Augen an und räusperte sich. „Kannst … Erinnerst du dich noch an das Gute-Nacht-Lied, das du mir gesungen hast, als ich ganz klein war? Ich summe es immer noch, wenn ich an dich denke. Du hattest immer eine so schöne Stimme, Vater. Singst du mir noch einmal das Lied vor? Oder … lass es uns einmal zusammen singen.“ Ariane schniefte und schluckte, bevor sie das Wiegenlied anstimmte. Ihre Singstimme war melodisch und von Trauer getränkt, sie berührte Stellen in seiner Seele, die Cassian vor Langem für verloren geglaubt hatte. Seine Erinnerungen flogen zu der Zeit, als auch er seinen Vater Stücke hatte singen hören und in ihm zerbrach das letzte Bisschen, was ihn zusammengehalten hatte. Er hatte seinem Vater den Wunsch erfüllt, so hoffte er, dass er endlich von seinem langjährigen Leiden befreit in den Himmel gehen durfte.

„Ari…ane, Ari? Cassian?“ Schwach und zerbrechlich erklang des alten Marquis brüchige Stimme.

„Vater!“, riefen beide überrascht und bückten sich vor, um für ihn besser sichtbar zu sein.

„Wir sind hier und bleiben es auch, hörst du?“, sagte Ariane und strich ihm sanft über die Wange.

Er öffnete die Augen und blinzelte verwirrt. Er versuchte seine Hand zu ihrem Gesicht zu heben, doch die Kraft hatte ihn vollkommen verlassen. Ariane ergriff gerührt seine Hand und führte sie an ihre Lippen.

„Celine …, verzeih mir. Ich wusste, dass ich dich im Himmel wiedersehen würde.“

„Vater, ich bin’s, Ariane. Mutter wartet auf dich, da bin ich mir sicher“, sprach ihm Ariane zu, während ihre Tränen auf seine Wangen tropften.

„Ich konnte euch nicht beschützen.“ Ein tiefes und verzweifeltes Schluchzen entrang sich seiner Kehle und Cassian drückte fest die Hand seines Vaters.

„Du hast uns beschützt, Vater! Es war nicht deine Schuld, hörst du. Mutter wartet auf dich, du hast dir nichts vorzuwerfen. Mir geht es gut, ich lebe! Du kannst in Frieden zu ihr gehen“, beschwichtigte Ariane ihn.

„Cassian, beschütze sie. Lebt beide … argh …“ Ein herzzerreißendes Röcheln erklang und dann trat Stille ein. Eine nie enden wollende Stille.

„Vater!“, rief Ariane.

Cassian stürmte zur Tür und verlangte nach dem Arzt, der an der gegenüberliegenden Seite der Schlafzimmertür auf einem Stuhl Platz genommen hatte. Er lief Cassian hinterher.


Wenige Minuten später löschten die Bediensteten alle Kerzen auf den Fensterbänken. Es brannte nur noch eine große, dicke, rote Kerze im Schlafzimmerfenster des alten Marquis.


 

Das Feuer im Kamin knackte und zischte. Das heiße Wasser der übergroßen Badewanne benebelte das Bad, aber nicht Cerims Gedanken. Sie kreisten um die Rückfahrt nach Ethera und der Begegnung mit Prinz Paris. Er war ihm vor zwei Jahren das letzte Mal auf dem Schlachtfeld gegenüber gestanden, bevor der König von Damars Joachim und sein Vater einen sehr brüchigen Waffenstillstand an den Grenzen von Solmere verhandelt hatten. Seit nun vierzehn Jahren kämpften Damars und Richen um das Land, dessen Duke und Tochter kaltblütig ermordet wurden. Cerims Vater war der Überzeugung, dass die letzte Erbin Duchess Celine Solmeres Tochter am Leben war. Verschleppt und als Geisel genommen von Damars, doch die Beweise fehlten und eine Spur von ihr war nicht zu erkennen.

Prinz Paris und er waren sich in einem sehr ähnlich: Sie hatten beide ein aufbrausendes Temperament und einen unerschütterlichen Stolz sowie Überzeugung. Im Krieg waren sie sich ebenbürtig, wobei sich Paris den Ruf eines brutalen Schlächters in den letzten Kämpfen erworben hat. Damars nahm keine Gefangenen. Auf Befehl des Prinzen köpften sie alle besiegten Soldaten auf der Stelle und ließen die Verletzten auf den Feldern sterben. In Cerims Augen besaß Paris nichts mehr Menschliches an sich und benahm sich ehrlos. Er haderte damals mit seiner Entscheidung, den Soldaten von Damars nicht das gleiche Schicksal aufzuzwingen, doch sein Ehrgefühl und sein Mitleid mit den jungen Männern ließen nicht zu, sich der bestialischen Herangehensweise anzuschließen. Er hätte seinem eigenen Vater nicht mehr in die Augen sehen können, wäre er zu dem geworden, was Paris auf dem Schlachtfeld darstellte.

Was ihm aber schwer im Magen lag, war das große Interesse von Paris an Adrian. Als er Cassian mit ihm über seinen kleinen Bruder sprechen hörte, kochte sein Blut vor Wut. Cerim wusste von der Freundschaft, die Cassian in Kindesalter mit dem Prinzen geschlossen hatte, und der Verwandtschaft zum Haus Damars. Lord Cassian distanzierte sich aber die letzten Jahre deutlich von seinen Verwandten und Freunden von dort. Durch ihre Gräueltaten und Gier machten sie sich mehr Feinde, und der junge Erbe wandte sich der Gesellschaft und den Söhnen der Gefährten seines Vaters zu. Lady Katherine, Cassians Mutter, war eine Comtesse aus Damars und entfernte Cousine dessen Königs Joachim. Cassian war die Liebenswürdigkeit und Ehrlichkeit in Person, wohingegen seine Mutter falsch und egoistisch war. Zudem diese Cassians Erziehung vollkommen der Witwe Callus, seiner Großmutter überlassen hatte. Wie viele Abkömmlinge aus arrangierten Ehen, die die Stabilität von Richen garantierten, war er nur eine Zierde in ihrem Zeugnis. Dass sie damals Adrian als Bastard in den Haushalt von Callus aufgenommen hatte, war für alle überraschend gewesen. Niemand kannte Lady Katherine als großzügige Person, die Nächstenliebe oder gar Verpflichtung gegenüber anderen empfand als sich selbst gegenüber. Adrian war in die Obhut eines Gelehrten gegeben und an den hintersten Winkel der möglichen Liegenschaften von Callus verdammt worden. Cassians Liebe für Adrian wuchs Jahr für Jahr, je mehr er verstand, was seine Mutter seinem Halbbruder antat. Er konnte den Stolz in ihm nachfühlen, nachdem er persönlich Adrian kennenlernen durfte. Der junge Lord besaß einen Zauber, dem selbst er mit seiner sonst harten Schale und kaum zu erschütternder Fassung erlag. Adrians Augen versprachen ihm … mehr.

Frieden. Magie. Ruhe.

Die Tatsache, dass Paris vorschlug, ihn mit nach Damars zu nehmen, ließ in ihm alle Alarmglocken schrillen. Die Vorstellung, dass dieser Barbar auch nur in seiner Nähe war, erschreckte ihn. Er würde Adrian keinen Fuß nach Damars setzen lassen.

Nicht einen verdammten Fuß!


 

Paris saß in den alten ledernen Sessel seines Vaters im Stadthaus der Familie Damars. Das Haus war Jahre unbewohnt gewesen und die Hausangestellten hatten Mühe, den abgestandenen Geruch und den zentimeterdicken Staub loszuwerden. Er fragte sich, ob es sich überhaupt lohnte, das Anwesen wieder in Stand setzen zu lassen.

Sir Duncan hatte ihm von den Wunden auf Arianes Körper berichtet und dann das Zimmer stumm verlassen. Er musste nachdenken. Das hatte er nicht erwartet. Überhaupt war Ariane nicht annähernd so, wie er sich sie ausgemalt hatte.

Wie sehr ihm diese Stadt verhasst war. Er konnte es nicht erwarten, Ethera bis auf die Grundmauern abzubrennen. Paris schwenkte das Glas, das durch den Alkohol golden schimmerte. Seine Gedanken wanderten immer wieder zu Ariane, die sich in einem ungestörten Moment im Speisewagen an ihn gewandt hatte. Sie hatte sich von Cassian, der mit Prinz Nikolas und Duke Moreno ins Gespräch vertieft war, für die Nacht verabschiedet und war zu ihm gekommen. Sie war so nervös, dass sie sich auf die Lippen biss und mit hochrotem Kopf leise zu ihm sprach.

Wie gern hätte ich über diese köstlichen Lippen gestrichen und selbst hineingebissen.

Ihre Worte waren aufrichtig und ihre Augen spiegelten eine für ihn unbekannte Warmherzigkeit wider. Er hatte gegrinst und nutzte die Chance sofort, sie noch mehr in Verlegenheit zu bringen, indem er ihre lilafarbenen und strahlenden Augen komplimentierte. Sie war ungewöhnlich, fast unwirklich. Überhaupt nicht so, wie er sich sie vorgestellt hatte.

Kein Wunder, dass Joachim völlig durchgedreht war, als Celena ihn verlassen hatte. Ariane besaß die seltene Augenfarbe ihrer Mutter. Ihre Schönheit und ihr Liebreiz hatten ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.

Viel zu schade, diese Augen auf ewig zu schließen.




 

Die nächste Folge erscheint am 06.06.2022

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